MARTIN KASPER <<
Ausstellungen/Bio
1962   geboren in Schramberg
1982-87 Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Karlsruhe
1990-91 Stipendium Akademie Schloss Solitude, Stuttgart
2002  

IAAB-Stipendium Christoph Merian Stiftung, Basel, in Montréal

2005   Stipendium Cité Internationale des Arts, Paris
lebt und arbeitet in Freiburg im Breisgau

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

2014    ECHOKAMMER, Museum Künstlerkolonie, Mathildenhöhe Darmstadt
2013   ADVENTUS, centre d‘art contemporain Meymac, F
RÄUME, mit Manfred Hamm, Galerie Hubert Schwarz, Greifswald
ANSCHEINEND SCHEINBAR, mit Reinhold Engberding, Galerie Carolyn Heinz, Hamburg
2012   INNENRÄUME, mit Manfred Hamm (Photographie), Kunstverein Offenburg
NOUVELLES PERSPECTIVES-NEUE PERSPEKTIVEN, Galerie Eric Mircher, Paris
2011     ZEITRÄUME Galerie Michael Schultz. Berlin
UP AND DOWN Chalabi Art Gallery, Istanbul
ROTATIONS Galerie Eric MIRCHER. Paris
2010 BÜHNEN/RÄUME Galerie Schwarz, Greifswald
2009   MARTIN KASPER, Kunstverein Friedberg
BLICKWECHSEL, Projektraum Knut Osper, Köln
2008 REFLET, MCL Metz, Frankreich

NOUVELLES PEINTURES, Galerie Eric Mircher, Paris

2007 AUSGERAEUMT; Haus der Kunst St. Joseph, Solothurn
show off, Paris (soloshow), Galerie Eric Mircher
2006   EINBLICKE, Projektraum Knut Osper, Köln
PEINTURE ALLEMANDE, Galerie Eric Mircher, Paris
2005   INSIDE/OUTSIDE (mit Angela Lyn) Haus der Kunst St. Joseph, Solothurn
TRIBUNAL Galerie Foth, Freiburg
2003   ÜBERFAHRT Kunstverein Kirchzarten 
2002 Städtische Galerie im Turm, Donaueschingen
RÄUME Kunstverein Radolfzell
2000 TREIBSTOFF Kunsthalle Bremerhaven

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

2013   

WAHLVERWANDSCHAFTEN-Aktuelle Malerei und Zeichnung aus dem Museum Frieder Burda,

Museum Franz Gertsch, Burgdorf
2011 ET SI L’ESPACE NE SERAIT QU’UNE DIMENSION INTERIEURE centre d‘art contemporain, Meymac
2010   ALLTAG UND AMBIENTE, Kunstverein Pforzheim
THE ALCHEMY OF DELUSION Galerie Aeroplastics, Brüssel
2009 RATPACK Chapelle St. Jacques-centre d‘art contemporain, St. Gaudens
CONSTELLATIONS Bejing 798 Biennale 2009, SZ artcenter, Peking
2008 LIEUX DE VIE, centre d‘art contemporain, Meymac
2005 FLASH BACK Kunstverein Freiburg 
2002 PAINTING ON THE MOVE-After Reality-Realism and Current Painting, Kunsthalle, Basel
2001   ABBILD – recent portraiture and depiction, Steirischer Herbst, Landesmuseum Joanneum, Graz
2000 

VIRAL ROOMS, BUREAU TM, Davos


PRESSE / TEXTE / ESSAYS

Im Labyrinth der Stille, Ralf Beil

„Wenn wir das Labyrinth nicht finden konnten, sagte Sam und sah tiefsinnig aus, dann deshalb, weil es nie gefunden werden kann, weil es sich nicht in Clusium oder anderswo findet, sondern sich überall findet, so dass wir immer im Labyrinth drinnen sind und eigentlich größeren Grund haben sollten zu glauben, dass wir es finden können, als wir selber ahnen, aber es geschieht nie, denn mit jedem Schritt, den wir tun, bewegt das Labyrinth sich mit uns zusammen, in genau derselben Geschwindigkeit und Richtung wie wir selber.“ Inger Christensen, Das gemalte Zimmer

Vom Mehrwert der „wahren Lüge“

Seit Jahrtausenden malen Menschen Figuren und Räume auf Wände aller Art. Seit Jahrhunderten malen Künstler Figuren und Räume auf Holztafeln und Leinwände. Seit dreißig Jahren malt Martin Kasper Architekturen, Räume und nun auch Figuren auf mittelgrobes Leinen. Warum?

Die leichte Variation eines Satzes des Kulturkritikers Dietmar Dath gibt einen ersten Hinweis: „Literatur [lies: Malerei] darf sich von der Informationsflut [lies: Bilderflut] nicht einschüchtern lassen, sie kann sie auch nicht eindämmen – sie muss damit arbeiten, damit lügen und die Wahrheit sagen.“

Auch Martin Kasper „lügt“ – und zwar auf virtuose Weise. Seine gegenständliche Malerei eröffnet uns Bildräume, die es so nicht gibt, auch wenn es oft den Anschein haben mag und wir sie mitunter sogar zu kennen glauben. Die Fotos, die der Maler verwendet, bilden nur die Grundlage seiner seltsam spannungsgeladenen Architekturbilder. Und selbst wenn seine Ganzfigurenporträts in direkter Konfrontation mit dem Modell im Atelier entstehen, so werden sie am Ende in imaginären Räumen platziert, die fast ausnahmslos Kaspers eigener Bildwelt entstammen.

Wie ist es nun um die „Wahrheit“ dieser Malerei bestellt? Da scheint zuallererst die elementare Wahrheit des Materials und Arbeitsprozesses als manifestes und greifbares Diesseits jenseits digitaler Clouds auf. Unbeeindruckt von den Bild-Tsunamis und Multimedia-Anwendungen unserer Tage grundiert Martin Kasper seine Leinwände mit durchsichtigem Hasenhautleim, einer bereits seit dem Mittelalter bekannten Vorleimung. Er vermengt wasserlösliche Pigmente mit eben diesem transparenten Leim für den Erstauftrag, und malt dann Schicht um Schicht mit lasierenden Eitempera-Emulsionen aus Öl, Wasser, Ei und Pigmentpulver. Wie bei der Entstehung von Literatur findet eine künstlerische Verdichtung bereits durch die intensive Bearbeitung statt, die zu einer ganz eigenen Vielschichtigkeit und Farbintensität seiner Malerei führt. Zugleich bleibt die Struktur der Leinwand, des Bild- und Farbträgers, immer sichtbar.

Spürbar wird ferner die elementare Wahrheit der Sujets jenseits von Neutralität und Objektivität: Kaspers Schauplätze sind stets schon Weltinnenräume, seine Figuren frontale Emanationen: Hier geht es nicht um funktionale Benutzeroberflächen. Martin Kaspers „wahre Lügen“ laden qua ihrer genuinen Lesbarkeit, ihrer gegenständlichen Bildinhalte geradezu zur Interpretation der Räume und Figuren ein – zuallererst jedoch sind sie das Ereignis von Farbe.

Malerei mit Nachhall

Zu den „wahren Lügen“ der Gemälde Martin Kaspers gehört, dass sie Klänge und Geräusche in der Großhirnrinde provozieren können, ohne als reale Klangkörper auf das Trommelfell einzuwirken. Sie reagieren wie Echokammern, in denen im Gegensatz zum schallgedämpften Tonstudio der Nachhall, der durch Reflexionen an Raumoberflächen entsteht, verstärkt wird. Der dort künstlich erzeugte Halleffekt ist bei Martin Kasper ein künstlerisch erzeugter. Wie in der Musik wird auch in Kaspers Malerei der Nachhall insbesondere in Treppenhäuser, Fluren oder weiten Raumfluchten erzeugt.

Seine Architekturbilder sind Echokammern im Wortsinn. Sie rufen insbesondere meist überhörte Klänge der Stille in unser Bewusstsein: das helle Sirren der Neonröhren im „Flur“, das dunkle Knarzen einer Flügeltür in „Warten“, den stummen Ghettoblaster und die dafür umso deutlicher wahrnehmbaren Geräusche der Straße, die durch das offene „Atelier“-Fenster dringen. Es  scheint, als stelle Martin Kasper seine Räume gezielt still, damit wir ihrer je eigenen Atmosphäre und ihren suggestiven Schwingungen gewahr werden können.

Bei aller Abwesenheit von Menschen in diesen Bildern wird immer wieder latente Anwesenheit signalisiert. Davon zeugt neben den zahlreichen Gemälden mit Körper-Stellvertretern wie Stühlen, Bänken, Säulen, Pfeilern, Treppen, Leuchten und Skulpturen insbesondere Martin Kaspers „Atelier“-Triptychon. Dort trifft die leere Körperhülle eines Schlafsacks auf den Körperschemen des Malers im Bild sowie auf gigantisch vergrößerte Ansichten eines Körperinnenraums. Das Selbstporträt wie auch die farblich verfremdeten Computertomografien des Künstlers existieren nur als Bild im Bild –  als  Paradox „ungemalter“ Bilder.

Wie seine assoziationsreichen Gemälde wird auch Martin Kaspers Ausstellung insgesamt zur Echokammer – diesmal im übertragenen Sinn: Verstärkt, verdichtet und überlagert das Echo, die Extremform des Nachhalls, die Ursprungstöne, so verstärken, verdichten und überlagern sich bei Kasper die einzelnen Bilder gegenseitig in einer komplexen Malerei-Installation. Architekturbilder finden sich fragmentiert als Bildhintergründe der Portraits wieder, Bilder spiegeln sich immer aufs Neue in Bildern. So wie „Monde I“ hinter dem Selbstporträt des Künstlers im „Atelier“ aufscheint, so  tauchen das „Atelier“, „Invasion“ und „Grüner Saal“ im eigens für die Bildhauerateliers gemalten „Echo“ auf. Nicht nur hier wird neben real existierenden Gemälden der reale Museumsraum irritierend ins Spiel der Spiegelungen eingebunden: Der Balken im „Atelier“-Bild von Martin Kasper findet sein reales Echo in den Stahlträgern der Bildhauerateliers. Das Ganzfigurenportrait von „Daniele“ reflektiert den Treppenflur zu den Atelierräumen so wie „Milena + Milou“ das Foyer des Museums Künstlerkolonie. Das „Echo“-Bild – selbstreflexives Echo der Ausstellung „Echokammer“ – verdoppelt seine Wirkung noch durch die Spiegelung von Bildern und Raum im glänzend gemalten Stirnholzparkett.

Wie einst schon die Namen gebende Nymphe Echo im griechischen Mythos gibt Martin Kaspers „Echokammer“ dabei stets nur Bruchstücke, Brechungen, Teilelemente und Spiegelfragmente wieder – nie die ganze Geschichte.

Beseelte Architektur

Nicht nur die „Echokammer“ als Ganzes und die einzelnen Architekturbilder, auch Kaspers Porträts sind markant in ihrem Verzicht auf eine lesbare Erzählung. Das leichte Schweben der Figuren auf der Leinwand im Bild bewirkt die sanfte Ablösung des Menschenwesens vom ihm umgebenden Raum, der de facto erst nach dem Porträt malerisch in Erscheinung tritt: Die Figuren entstehen auf der leeren, lediglich grundierten Leinwand.

Im Gegensatz zu religiösen Elevationen in der Tradition der Malerei – Christi oder Mariae Himmelfahrt – sind es bei Martin Kasper ihm nahe stehende Menschen, Verwandte und Freunde aus seinem engeren Lebensumkreis, die jenseits von  Bodenhaftung seltsam eingebunden scheinen. Die gemalten Architekturen, die Kaspers Ateliermodelle umgeben, sind zumeist Fluchten im perspektivischen wie metaphorischen Sinn. Die Figuren bilden dazu einen Gegenpol. Sie holen das Bildgeschehen nahe heran, entwickeln aber mit ihrem ruhigen Stehen und ihrem oft lakonischen Blick bei aller Selbstgewissheit keine äußere Aktivität. Wäre Aktion zu beschreiben, so die Aktion „einer undeutlichen inneren Bewegung“ (W.G. Sebald), eine Aktion wartenden Innehaltens und angehaltener Spannung.

Mit der Zusammenschau der Einzelporträts seiner Angehörigen und (Künstler)freunde entsteht eine imaginäre Bildfamilie wie einst in Mantegnas „Camera degli Sposi“ in Mantua, die Inger Christensen in ihrem „Gemalten Zimmer“ literarisch umkreist. Bei allen strukturellen Unterschieden über die Jahrhunderte hinweg geht es hier wie dort um beseelte Architektur in wandfüllender Malerei.

Die „Echokammer“ von Martin Kasper präsentiert – ob in den Architekturbilder oder den Porträts – Weltinnenräume. Der Begriff der Kammer kommt nicht umsonst vom lateinischen camera: Martin Kaspers Bilder scheinen nachgerade eine Camera lucida zur Erhellung unserer Wahrnehmung dieser besonderen Orte.

Um Martin Kaspers „Echokammer“ gibt es das Museum, dann die Stadt, dann das Land, dann die Welt – aber um all dies gibt es das Labyrinth der Stille, das in immer neuen Fragmenten in der Malerei des Künstlers aufscheint. Wir sehen Pigmente. Wir hören verhaltene, umso eindringlichere Klänge und Geräusche. Wir spüren Enge, Weite, Nähe, Leere, Resonanz und Spannung. Elementare Bodenhaftung und subtile Elevation.

„Früher träumte ich insgeheim davon, ich könnte einmal alles zusammenfügen, einen Schlussstrich ziehen unter alles. Um am Ende sagen zu können: so war es, so ging es zu, dies ist die ganze Geschichte. Doch das wäre wider besseres Wissen. Wider besseres Wissen ist andererseits eine gute Art, nicht aufzugeben. Wüssten wir es besser, gäben wir auf.“ Per Olov Enquist, Ein anderes Leben

Textbeitrag von Dr.Ralf Beil, Direktor Mathildenhöhe Darmstadt, im Katalog zur Ausstellung "Echokammer" von Martin Kasper, veröffentlicht im Verlag Hatje/Cantz, 2014.
Details: http://www.mathildenhoehe.eu/ausstellungen/martin-kasper/